Ausdrucken war gestern – oder?

Über das Lesen am Bildschirm – erste Fragen zum digitalen Arbeiten
Von Prof. Dr. Christoph Bläsi und Dr. Henning Müller

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Einführung

Der elektronische (richtiger wäre „digitale“) Rechtsverkehr ist Gegenwart. Die Korrespondenz erfolgt schon heute fast ausschließlich digital. Doch auf welchem Medium werden die langen Texte, die, mit denen der juristische Fallbearbeiter zentral arbeitet, in Zukunft gelesen werden? Im Folgenden sollen Erkenntnisse und begründete Annahmen über das Lesen und Verstehen langer Texte auf Bildschirmen dargestellt werden; mangels spezifischerer Erkenntnisse muss man sich im Moment – noch – mit Ergebnissen aus anderen Lebens- und Arbeitsbereichen (zumeist dem Lesen von Literatur oder dem Lesen im Schulkontext) begnügen – das sollte Ausgangspunkt nicht nur einer bestmöglich reflektierten Praxis, sondern auch einer verstärkten spezifischen Forschung sein.

Der Status quo

Die digitale Kommunikation mit den Gerichten, also der sogenannte „elektronische Rechtsverkehr“ (siehe dazu im Einzelnen Müller, JuS 2015, 609), und auch die digitale Kommunikation zwischen dem Rechtsanwalt und seinem Mandanten (Müller, AnwBl. 2016, 27, 31) sind vielerorts gängig, wenn nicht gar selbstverständlich. Überall wird daher eine Vielzahl digitaler, in aller Regel sogar

texterkannter Dokumente „eingesammelt“, ganze digitale Akten – neben den (juristisch führenden) gedruckten – entstehen (sogenannte „digitale Doppelakten“). Fast überall druckt aber spätestens der juristische Fallbearbeiter – egal ob Richter oder Rechtsanwalt – die Dokumente aus oder lässt sie ausdrucken, um sie auf Papier durch- oder weiterzubearbeiten. Der juristische Arbeitsplatz ist noch fast nirgendwo ein echter Bildschirmarbeitsplatz geworden (Müller, DRiZ 2014, 290, 291; Berlit, JurPC Web-Dok 117/2014 Abs. 57; zur Frage, inwieweit hierdurch die richterliche Unabhängigkeit betroffen ist: Berlit, JurPC Web-Dok 77/2012 Abs. 30 ff.).

Ein Grund dafür kann die Gewöhnung an liebgewonnene Arbeitsabläufe nach einer auch papierorientierten Bildungsbiographie sein. Die Frage ist nun, ob es darüber hinaus Gründe gibt, an der bisherigen Praxis festzuhalten – das v.a. vor dem Hintergrund, dass die oft dargestellten Vorteile des durchgehenden Arbeitens am Bildschirm als belastbar unbestritten gelten dürfen.

Wir wollen einige der in diesem Zusammenhang vorgebrachten Argumente gegen die E-Akte auf dem – unspezifischen und lückenhaften – aktuellen Wissensstand „abklopfen“.

Das Arbeiten mit und auf Papier ermöglicht eine höhere Arbeitseffizienz, vermeidet die Ermüdung der Augen und Haltungsprobleme

Vorgebracht wird oft, dass es einer E-Akte an der gewohnten und notwendigen Haptik fehle; als Beispiel sei genannt, dass eine „benutzte“ Akte oft automatisch auf dem Blatt aufschlägt, das den streitentscheidenden Punkt enthält, und zwar, weil sie dort besonders abgegriffen ist. Bildschirmarbeit führe zudem zu einer Ermüdung der Augen sowie zu Haltungsproblemen.

Befürworter der elektronischen Akte halten dem entgegen, die E-Akte werde „ergonomisch“ werden, womit gemeint ist, dass solche Befürchtungen größtenteils nicht zutreffen werden – man denke im gegebenen Zusammenhang etwa an entsprechende digitale „Bookmarks“. Tatsächlich sind schon jetzt zahlreiche entsprechende Angebote auf dem Markt – von barrierefreier Software über augenfreundliche Monitore und spezielle Schreibtischkonstruktionen bis hin zu Schulungsangeboten auf dem Gesundheitssektor. Noch greifbarer sind die in jedem Fall möglichen Effizienzsteigerungen durch Volltextsuche, Strukturierbarkeit und Mobilität des Akteninhalts, die nur auf digitalen Medien überhaupt denkbar sind.

Die Arbeitseffizienz und das Gesundheitsargument scheinen damit zumindest kein „Show-Stopper“ für die E-Akte zu sein – flächendeckende subjektive Einschätzungen, die E-Akte sei dem Papier im Hinblick auf diese Kriterien mindestens ebenbürtig, erfordern jedoch sicherlich noch sowohl weitere technologische Entwicklungen als auch die – hoffentlich wohlwollend hingenommenen – Ergebnisse von Gewöhnungsprozessen.

Das Arbeiten mit und auf Papier ist Voraussetzung für eine inhaltlich „bessere“ Arbeit

Möglich wäre aber auch, dass es gerade die Spezifika der anspruchsvollen juristischen Fallbearbeitung sind, die Hindernisse für eine zielführende Arbeit am Bildschirm darstellen; diese sind noch kaum erforscht. Als These wird bei dieser Denkrichtung angenommen, dass sich das Lesen und Verstehen längerer Texte – wie es in der juristischen Fallbearbeitung geradezu konstitutiv ist – auf digitalen Medien problematisch gestaltet. Diese These deckt sich auch mit dem Erfahrungshorizont, der in der hessischen Sozialgerichtsbarkeit unter den Richterinnen und Richtern ermittelt werden konnte (De Felice/Müller in: jurPC Web-Dok. 112/2014).

Und es gibt darüber hinaus belastbare Studien, die allerdings vor allem zum „Massenmarkt“ der digitalen Bücher („E-Books“) oder zum Lesen im Schulkontext entstanden sind, die eine solche Einschätzung nahelegen [vgl. etwa Chen et al. 2014: A comparison of reading comprehension across paper, computer screens, and tablets: Does tablet familiarity matter?; Mangen et al. 2013: Reading linear texts on paper versus computer screen: Effects on reading comprehension; Kretzschmar F, Pleimling D, Hosemann J, Füssel S, Bornkessel-Schlesewsky I, Schlesewsky M (2013) Subjective Impressions Do Not Mirror Online Reading Effort: Concurrent EEG-Eyetracking Evidence from the Reading of Books and Digital Media. PLoS ONE 8(2): e56178. doi:10.1371/journal.pone.0056178].

Lesen auf Papier wird danach tendenziell als angenehmer empfunden, und die Lesegeschwindigkeit (siehe auch oben zu Arbeitseffizienz) ist tendenziell höher. Hinsichtlich des Textverständnisses selbst sind die Ergebnisse dagegen nicht so eindeutig: Neben zahlreichen Studien, die gezeigt haben, dass das Textverständnis am Bildschirm gleich oder schlechter ist als auf Papier, gibt es auch eine Studie, nach der das Textverständnis am Bildschirm unter bestimmten Voraussetzungen sogar besser sein kann als auf Papier. Teilweise ergeben sich die relativen Vorteile von Papier auch nur in – im gegebenen Kontext allerdings einschlägigen – spezifischen Konstellationen, wie etwa dann, wenn es um Informationen geht, die an verschiedenen Stellen eines Dokuments verteilt sind. Allen Studien ist aber gemein, dass sie sich mit der besonderen Arbeitssituation des Juristen, der wortgenauen Arbeit an langen, teilweise unübersichtlichen Texten, gerade nicht befassen. Hinzu kommt, dass das bloße Lesen und Verstehen von Texten nicht die gesamte juristische Tätigkeit umfasst, sondern dass (weitgehend in einen übergeordneten komplexen Arbeitsprozess eingebettet) es auch um das das Schreiben eines juristischen Ergebnisses, nämlich eines Schriftsatzes, eines Gutachtens, eines Beschlusses oder Urteils – mit Bezug zu diesen Texten und unter Nutzung von Zitaten aus diesen – geht.

Die Frage, ob das Textverständnis beim Lesen auf Papier – auf dem jeweiligen Stand der damit verglichenen digitalen Anzeigetechnik! – nun unterm Strich besser oder schlechter ist, möglicherweise über soziodemographische Faktoren oder sogar individuell variiert oder von der Tagesform abhängig ist, muss noch weiter untersucht werden. Sicher ist, dass eine weitere Forschung auf diesem Gebiet der juristischen Fallbearbeitung erforderlich ist. Und zwar schon, um die maßgebliche Frage zu beantworten, wie die geeignete Ausstattung aussehen muss, um Arbeitseffizienz, Verständnistiefe etc. zu optimieren.

Denn sicher ist: Die elektronische Akte wird kommen. Bis dahin muss gleichwohl (und trotz insbesondere ökologischer Bedenken) hingenommen werden, dass zumindest bei einem davon abweichenden subjektiven Eindruck dem juristischen Bearbeiter die Freiheit belassen wird, sich im Bedarfsfall auch Ausdrucke zu fertigen – ohne ihn von den zahlreichen Vorteilen der elektronischen Akte abzuschneiden. Diese Option bietet die elektronische Doppelakte als Hilfsmittel neben einer „führenden“ Papierakte.

Was wird benötigt, um auf den Ausdruck zu verzichten?

Ideal wäre es, wenn nicht der Arbeitgeber oder der Gesetzgeber kraft Anweisung die E-Akte oktroyierten, sondern diese den Nutzer durch ihre Vorzüge überzeugte. Dazu müssen die „Mehrwerte“ der E-Akte deutlich herausgestellt und ihre Nutzung geschult werden. Vor allem aber sind die beeinflussbaren Faktoren bei der Einführung einer E-Akte mit Bedacht (und im Rahmen des wirtschaftlich Vernünftigen und Machbaren) zugunsten der E-Akte auszurichten. Dies betrifft vor allem die Hardwareausstattung, möglicherweise auch das Design der Arbeitsprozesse.

Auch das wurde in Studien untersucht (siehe dazu Mangen, A., Walgermo, B. R., & Brønnick, K. (2013). Reading linear texts on paper versus computer screen: Effects on reading comprehension. International Journal of Educational Research, 58, 61–68; DOI:10.1016/j.ijer.2012.12.002), jedoch wiederum vor allem zum „E-Book“-Markt, so dass die Übertragbarkeit der Ergebnisse erst untersucht werden muss. Naheliegend erscheint danach, dass Medienwechsel – auch Wechsel zwischen verschiedenen Instanzen digitaler Medien – sich als vorteilhaft erweisen. So etwa nach dem heutigen Stand der Technik in Form eines zusätzlichen Tablets oder eines zweiten Bildschirms, im Gegensatz zur Arbeit in verschiedenen Fenstern eines großen Bildschirms. Zwingend erscheint damit, dass man sich bei Einführung der E-Akte am Stand der Technik orientiert, was im Hinblick auf die Budgetierung auch innerhalb der öffentlichen Verwaltung sicherzustellen ist.

Fazit

Die E-Akte kommt. Es sollte mittels geeigneter Maßnahmen aber schon jetzt möglich sein, darauf hinzuwirken, dass Inhalte von Akten in Standardprozessen nicht gewohnheitsmäßig vollständig ausgedruckt werden, um sie dem juristischen Bearbeiter vorzulegen. Wie aber der juristische Arbeitsplatz, der solch ein Ansinnen überhaupt verschwinden lässt, aussehen wird, welche Technik der Jurist nutzen wird und wann auch dann noch ein Ausdruck weiter sinnvoll sein wird, darf nicht nur abgewartet, sondern sollte nach Möglichkeit gestaltet werden, allem voran mit Hilfe spezifischer Forschung – für fundierte Entscheidungen fehlen noch einige Erkenntnisse!

Kontakt: christoph.blaesi@uni-mainz.de

dv@lsg-darmstadt.justiz.hessen.de